Rubinow: Erstens gehöre ich zu der kleinen Gruppe von Fachleuten in Deutschland bzw. Europa, die der Praxis und Theorie über kulturelle Zentren und Theaterbauten den größten Teil ihrer beruflichen Laufbahn widmeten. Deshalb meine ich, mir ein objektives und sachliches Urteil über die Problematik "Palast der Republik" erlauben zu können.
Zweitens handelt es sich bei dem Palast der Republik neben dem "Centre Pompidou" in Paris um eines der ersten modernen Volkshäuser am Ende der 20. Jahrhunderts in Europa. Die Regierung der DDR wünschte damals eigentlich die Errichtung eines Kongreßzentrums, also einer Monokulturstätte. Es ist ein bedeutender Verdienst des Architekten Prof. Graffunder, daß es ihm gelungen ist, seine Auftraggeber zu überzeugen, statt dessen eine Mehrzweckkulturstätte mit vielfältigen funktionellen, räumlichen, technologischen und technischen Merkmalen und der sozial-kulturellen Wirksamkeit eines Volkshauses zu bauen. Man nennt das auch eine polyvalente kulturelle Einrichtung.
Lange: Aber es gibt noch weitere Gründe für Sie?
Rubinow: Ja, ich will sie Ihnen erläutern. Ich denke an die Politisierung der Debatte um den Palast. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß allein der Fakt, daß diese für Deutschland einmalige Einrichtung von der DDR gebaut wurde, ausreicht, um mit aller Macht dagegen zu polemisieren. Daß es sich bei dem Palast zudem um eine vom Publikum angenommene und beliebte und somit gut funktionierende und wirksame Kulturstätte handelte, scheint eher Wasser auf die Mühlen der Abrißbefürworter zu sein. Natürlich wird das selten so offen dargestellt. Hingegen wird die notwendig gewordene Asbestsanierung als Vorwand genutzt, um über gezielt lancierte Falschinformationen die öffentliche Meinung vom Erhalt des Gebäudes abzukehren.
In einem Artikel der in München erscheinenden Zeitschrift "FACILITY MANAGER" formuliert Prof. Dr. Klaus Wever diesbezüglich ironisch: Der Palast der Republik, "dieses wahrliche Kuckucksei des anderen deutschen Staates im Nest der Bundesrepublik (...)" Das Kuckucksei ist nicht erwünscht. Es muß beseitigt werden. Die sich so äußern, wissen nichts von der sozialkulturellen Bedeutung eines solchen Volkshauses in unserer Gesellschaft. Und selbst wenn sie es wüßten wäre es recht unwahrscheinlich, daß diese Kräfte den weiten, demokratischen Geist, der von solch einem offenen Haus ausstrahlt, wollten.
Lange:
Ich möchte Sie aber zunächst mit den Meinungen der Gegner des Palastes konfrontieren. Da sehe ich momentan drei Tendenzen:
zum einen wird die Architektur des Gebäudes kritisiert; andere suchen, falls nach der Asbestsanierung der Palast bestehen bleiben sollte, eine moderne Nutzung; dritte lehnen den Palast radikal ab und wollen das alte Schloß wieder aufbauen. Also handelt es sich doch um differenzierte Standpunkte, die nicht unbedingt unter den gemeinsamen Nenner "Beseitigung des Kuckuckseis" zu bringen sind?
Rubinow: Sie haben Recht. Unter den ablehnenden Auffassungen gilt es zu unterscheiden. Ich setze mich mit den vielfältigen Einwürfen der aktiven Gegner des Palastes der Republik auseinander. Daneben gibt es auch noch eine Gruppe von Menschen, die gegen den Palast ist, aber eigentlich nicht weiß, warum. Nach einer Art Pawlowscher Reflex scheint sie auf laufende Gerüchte zu reagieren und sich jeweils den agierenden Abrißbefürwortern anzuschließen. Ohne eine breite sachliche Debatte könnte sich diese Gruppierung vergrößern. Der seit nunmehr zehn Jahren zwangsweise stillgelegte Palast spricht eine eigene Sprache. Ständige Verzögerungen bis zum Beginn der Asbestsanierung, zwischenzeitliche Vernachlässigung des Gebäudes und massive Meinungsmanipulierung sollen die Weichen zu Liquidierung des Baus stellen. Man könnte das auch als ein mittelbares Verfahren hin zum Abriß des Palastes der Republik werten.
Lange: Um nochmals auf meine Frage zurückzukommen: wie bewerten Sie aber die drei Richtungen unter den Palastgegnern?
Rubinow: Wenn ich Ihrer Einteilung folgen soll, muß ich zumindest die Reihenfolge bei der Beantwortung ändern. Die Frage nach der Architektur und dem Standort sowie der Wiedererrichtung des alten Schlosses stelle ich zunächst zurück und werde mich zuerst mit der Problematik befassen, die Sie in vereinfachter Form Nutzung nennen.
Lange: Einverstanden. Aber warum halten Sie den Begriff "Nutzung" für vereinfachend?
Rubinow:
Jeder Gesellschaftsbau hat eine gesellschaftliche Zielsetzung. In welcher Qualität diese realisiert wird, weist auf den Wert der Einrichtung hin. Eine bestimmte Einrichtung impliziert präzise Ziele. Andere Ziele, eine andere Nutzung oder gar eine sogenannte moderne Nutzung zu suchen, ist damit widersinnig. Ich will das am Beispiel erläutern:
Eine Schule läßt sich während des Krieges als Lazarett nutzen. In den Religionskriegen wurden Kirchen zu Pferdeställen degradiert. Oder man verwandelte den Tempel der Athene, den Parthenon, in ein Pulverlager, wie es die Türken einstmals taten, die der Nachwelt nach einer Explosion nur noch Ruinen hinterließen. Ich übertreibe natürlich. Aber vielleicht wird deutlich, daß derart "moderne" Nutzung die eigentliche Sinngebung des Baus ins Absurde führt.
Aber ich möchte dieses Interview nicht mit Begriffsanalysen belasten. Also bleiben wir zunächst bei dem Wort Nutzung, dessen eingedenk, daß es unpräzise und allgemein ist.
Lange: Sie sind der Fachmann, Herr Rubinow. Warum aber hat die Nutzung für Sie so vorrangige Bedeutung?
Rubinow: In Wirklichkeit dreht sich alles um diese Frage. Hier Verwirrung zu stiften, kommt den Gegnern des Palastes ganz besonders zugute. Die seriöse Klärung der Nutzung hätte nicht nur die Existenz des Palastes legitimiert, sondern auch bestätigt, daß er als polyvalente kulturelle Einrichtung eine der wichtigsten Kulturstätten Berlins ist.
Prof. Graffunder hat die Nutzung des Palastes konzipiert und damit - ich wiederhole mich - noch vor dem Centre Pompidou ein bedeutendes europäisches Volkshaus realisiert. Der Bau knüpft an das sozialkulturelle Erbe der Volkshäuser der frühen SPD des 19. Jahrhunderts an. Hätte man sich gleich nach der "Wende" ehrlich und mit Fachkompetenz dem Nutzungsproblem gewidmet, wäre uns vielleicht die "Kuckucksei-Diskussion", über die wir de facto bis heute nicht hinausgelangt sind, erspart geblieben. So sind uns praktisch zehn Jahre mit Byzantinismen verloren gegangen. Es ist entsetzlich, was einem diesbezüglich seit Jahren in Versammlungen, Talkshows, Medien, sogar im Haushaltsausschuß des Bundestages - im Juli 1995 war ich dort anläßlich einer Anhörung zum Thema als Experte geladen - zugemutet wird. Kaum mit Wissen belastet, dafür aber selbstsicher und arrogant, treten da Leute auf mit Doktor- und Professorentiteln, Politiker, aber auch Mode- oder sogenannte Stararchitekten und präsentieren scheinbar besonders attraktive Nutzungsvarianten, die im Grunde nichts weiter als die banale Addition von Aktivitäten beinhalten, Plattitüden, in mehr oder weniger geschickter Rhetorik verpackt. Von Kenntnissen zur Problematik der Polyvalenz keine Spur.
Lange: Ihren Ausführungen zufolge, mangelt es der gegenwärtigen Diskussion sowohl an Objektivität als auch an Sachwissen. Wer aber ist Ihrer Meinung nach überhaupt in der Lage, fundiert zum Palast Stellung zu nehmen?
Rubinow: Zuerst das ganze Publikum, das den Palast der Republik erlebt hat. Seit der Eröffnung 1975 bis 1990 zählte er 70 Millionen Besucher.
Die Eindrücke der Gäste des Hauses sind positiv. Noch heute zehrt ein Großteil von der Vielfalt der Erlebnisse und Aktivitäten, die dort stattfanden. Die Erinnerungen werden oft emotional vorgetragen. Es war interessant, anregend, lustig oder traurig, man hat sich wohlgefühlt, konnte kommunizieren, war unter Gleichgesinnten. (...) Das Publikum hat von seinem Volkshaus profitiert. Die Meinungen sind ziemlich einhellig. Allerdings stellen die emotionalen Bindungen nur einen, wenn auch einen nicht zu unterschätzenden, Bruchteil der Argumente dar, die für den Palast sprechen.
Es gibt darüber hinaus Leute, die genau definieren können, warum ein Volkshaus eine positive Wirkung auf sein Publikum hat. Sie sind unter dem technischen Personal des Palastes, den Organisatoren, Künstlern, Gesellschaftswissenschaftlern, Kunsthistorikern, Journalisten, Architekten und Architekturkritikern zu suchen, die sich aktiv für den Erhalt des Hauses einsetzen. Aus dem engeren Insiderkreis wäre an erster Stelle der sehr geschätzte und leider viel zu früh verstorbene Prof. Heinz Graffunder zu nennen.
Ein wichtiger Zeuge ist sein engster Mitarbeiter und Architekt, Prof. Dr. Eisentraut, der die gesamte Organisation und Bautätigkeit miterlebt und mitbestimmt und später übrigens das Kulturzentrum in Berlin-Marzahn gebaut hat.
Eine große Rolle spielte auch Prof. Wever, bekannter Spezialist für Theater und kulturelle Einrichtungen. Im Auftrag von Prof. Graffunder wirkte er führend an der Realisierung des großen sechseckigen polyvalenten Saales im Palast der Republik mit. Ausgewiesen hat er sich später u.a. bei der Rekonstruktion der Paulskirche in Frankfurt/Main, dem Sitz des ersten demokratischen Parlaments Deutschlands während der 1848er Revolution.
Und weiter gehört noch Dr. Rubinow dazu. Das bin ich. Nach meinem Entwurf haben die Projektanten das Chemnizer "Kultur- und Kongreß-Zentrum" realisiert. Seine polyvalenten Säle wurden zum Vorbild für den großen Saal im Palast. Im Vorfeld entwickelten Prof. Wever und ich, als Mitarbeiter des Instituts für Kulturbauten, die Grundlagen für die Polyvalenz und ihre Nutzung. Die daraus resultierenden Erkenntnisse bezog Prof. Graffunder in sein Baukonzept ein.
(...)
Lange:
Kommen wir auf unsere ursprünglichen Fragestellungen zurück. Was halten Sie von Überlegungen, das alte Schloß wieder aufzubauen?
Rubinow:
Sprechen wir zuerst über den Vorschlag des Herrn von Boddin, Geschäftsmann aus Hamburg, einen Vorschlag, den er Schloßwiederaufbau nennt. Sein Konzept ist einfach. Mit Hilfe von Sponsoren, die er möglicherweise gefunden hat, will er das historische Schloß, zumindest aber den Schlüterschen Teil, wiederaufbauen lassen. Allerdings ist zweifelhaft, daß seine Sponsoren nur aus Liebe zur Geschichte Milliarden investieren, was eine echte Schloßrekonstruktion kosten würde, also in ein Geschäft, wofür ein Profit nicht garantiert werden kann. De facto reduziert sich die ganze Aktion auf die Errichtung Schlüterscher Teilfassaden, hinter denen kommerzielle Freizeitangebote aufwarten.
(...)
Lange:
Es gibt eine Gruppe von Menschen, die den Palast der Republik mit der Begründung ablehnt, daß er "nicht schön" und deswegen für den repräsentativen Standpunkt nicht geeignet sei.
Rubinow: Im Grunde spielen hier zwei Aspekte eine Rolle, der des Standortes und die Frage nach schön oder nicht schön. Die Entscheidung, das nach der Sprengung der Schloßruinen funktionslos gewordene traditionelle historische Gelände mit einem Hauptvolkshaus des Landes zu bebauen, halte ich für die beste Alternative. Keine andere Einrichtung wäre in der Lage, diesem Standort die kulturelle, gesellschaftliche Wirksamkeit und die notwendige urbane Ausstrahlung zu sichern. Das kann nur ein modernes polyvalentes Volkshaus. Betrachtet man die Standortentscheidungen für viele der vorhin erwähnten 65 großen Ensembles in der Welt, kommt man nicht umhin festzustellen, daß oft pragmatische Gesichtspunkte mitgespielt haben wie Grundstückspreise, politisch kurzsichtige Ansichten, Interessen von Baufirmen und Bauleuten usw. Glücklicherweise konnten bei der Standortwahl des Palastes der Republik solche Faktoren außer acht gelassen werden.
Hier drängt sich wieder der Vergleich zum Centre Pompidou auf. Auch in Paris standen nicht pragmatische oder merkantile Aspekte im Vordergrund, sondern gesellschaftliche Gesichtspunkte haben die Standortentscheidung herbeigeführt. Eine Reihe von Standortvorschlägen in der französischen Metropole wurde abgelehnt, weil die nötige kulturelle Wirksamkeit bezweifelt wurde. Einer siedelte das Projekt sogar in dem neu gebauten Administrations- und Finanzviertel de la Défense mit seinen Wolkenkratzern an, wo sich ein gutes Freigelände bot, das außerhalb des Boulevard Peripherique, Peripherie Ruig am westlichen Ufer der Seine lag. Die Franzosen entschieden sich jedoch, Le Centre in einem der ältesten mittelalterlichen Baubourgs-Viertel zu errichten, entlang der Rue Saint Martin, einer der ältesten Straßen von Paris, der früheren Via Romana, Verlängerung des "Cardo", der alten Lutetia, die den ursprünglichen Namen der Stadt Paris trug. Le Centre sollte also im Epizentrum der Hauptstadt liegen, um als Kultur- und Personalkommunikation fördernde Einrichtung die ganze Breite der Bevölkerung zu erreichen. Es sollte ein Haus nicht nur für Paris, sondern für ganz Frankreich werden. Die Praxis bestätigt und übertrifft die Vorstellungen. Geplant waren maximal 10.000 Besucher pro Tag, bis 30.000 konnte man aber bereits zählen.
Aus ebensolchen gesellschaftlichen Gründen wurde der Schloßplatz als Standort für den zukünftigen Palast der Republik gewählt. Der Palast avancierte zur meist besuchten kulturellen Einrichtung nicht nur Berlins, sondern der ganzen DDR. Er zählte bis 13.000 Besucher pro Tag und bis zu 4,5 Millionen pro Jahr. Ein gut funktionierendes Theater rechnet hingegen mit durchschnittlich 150-250.000 Gästen pro Jahr.
Ich führe ganz bewußt immer wieder den Vergleich mit dem Centre Pompidou an. Palast und Centre waren - nur das Centre ist es noch - gut funktionierende Häuser mit gleichem gesellschaftlichem Anspruch. Das dürfte auch ein schlagendes Argument für die Vertreter der "Kuckucksei-Theorie" sein. Zwei Volkshäuser stehen nebeneinander. Das eine wird abgelehnt, weil es angeblich undemokratische Verhältnisse spiegelt. Wer wollte aber so einfach zugeben, daß ihm auch das Centre Pompidou fremd sei, weil er Frankreich undemokratische Verhältnisse unterstellt? Wer aus dem Kreise der Palastkritiker traut sich, der französischen Demokratie Lektionen zu erteilen?
(...)
Lange:
Nun komme ich doch nochmal auf die Frage nach schön oder nicht schön zurück. Sollte sich mit dem Erhalt des Palastes nicht doch einiges bei der Fassadengestaltung ändern?
Rubinow: Ich gebe keine Geschmackswertungen.
Gerade der Teil der Kritiker, der den Palast nie kennengelernt hat, ihn nicht genutzt und von ihm nicht profitiert hat, den Zusammenhang und die Wechselwirkungen zwischen Funktion, Inhalt und Form nie persönlich erfahren hat, urteilt oft, daß der Bau nicht schön sei.
Ich möchte nicht in eine abstrakte Diskussion über Schönheit einsteigen. Aber schauen Sie sich bitte diese beiden Außenansichten des Centre Pompidou und des Palastes an. Die zwei Fotos zeigen, daß beide Gebäude in der Baukörpergröße vergleichbar sind. Bei der Gegenüberstellung ist eine konsequent durchgehende Transparenz der beiden Fassaden festzustellen. Das ist eine notwendige funktionelle und emotionelle Bedingung für heutige Volkshäuser. Transparenz ist Ausdruck der Polyvalenz, die lebendige Ausstrahlung des langzeitigen Betriebes. Eine Monokulturstätte bleibt außerhalb der Veranstaltungen stumm. Sie wirkt nur als Monument in der urbanen Umgebung. Auch bei der bereits erwähnten kleinen polyvalenten "AGORA" im niederländischen Dronten ist die Fassade durchgehend transparent.
Zurück zum Palast der Republik. Das gesamte Gebäude ist neutral gehalten. Es ist keine Attraktionsarchitektur. Baukörpermäßig und städtebaulich paßt es sich an das historische und modernere Umfeld an. Ein unruhiger Baukörper wäre hier fehl am Platze. Nach den Erfordernissen der Polyvalenz ist die Konzeption der Fassade richtig. Sie verbindet die innere Aktivität mit dem äußeren urbanen Leben.
Für mich steht die Frage schön oder nicht schön so nicht. Die Fassade ist der Gesamtkonzeption des Hauses entsprechend. Dabei möchte ich weitergehende Überlegungen, ob beispielsweise die Fläche anders gegliedert, anders proportioniert werden kann, nicht ausschließen. Einige bauliche Veränderungen halte ich sogar für wünschenswert, wie die Entfernung der angebauten Tribünen.
(...)
Lange:
Welche Lösung schlagen Sie vor, um die scheinbar festgefrorenen Fronten zwischen Palastbefürwortern und Palastgegnern zu lockern und eine den Bedingungen und gegenwärtigen Erfordernissen adäquate Bebauung des Schloßplatzes zu gewährleisten?
Rubinow: Zuerst sollte mit der Massakrierung des Palastes der Republik aufgehört werden. Dann sollte die Asbestsanierung sorgfältig durchgeführt werden, wie bei anderen gesellschaftlichen Bauten in Europa auch oder zum Beispiel wie beim ICC in Berlin, ohne Dramatisierung und ohne Politisieren. Das wird helfen, die "Kuckucksei-Diskussion" zu überwinden.
Ansonsten schlage ich eine einfache ausgewogene Lösung vor, die aus der bestehenden Situation logisch erwachsen ist. Historischer Standort sowie die realen materiellen Voraussetzungen sind dabei berücksichtigt. Ich versuche, mich kurz zu fassen.
Der "Verein zur Erhaltung des Palastes der Republik" e.V. hat für den Wettbewerb zur Bebauung des Berliner Schloßplatzes einen Entwurf ausgearbeitet, der auch von Prof. Graffunder bestätigt worden ist. Das Prinzip des Entwurfs ist eine Symbiose.
Zwischen dem mit neuen gestalterischen Akzenten versehenen Palast der Republik und einem Baukörper mit Außen- und Fassadenelementen des ehemaligen Schlosses liegt das Schlüter-Forum, ein Platz für Forum-Aktivitäten wie bei dem Centre Pompidou.
Bei dem zweiten Gebäude wird es sich definitiv nicht um einen Schloßwiederaufbau handeln. Nur in der Symbiose mit dem Palast der Republik ist ein solches Verfahren legitim. Durch diese architektonischen, denkmalpflegerischen Maßnahmen soll das Gebäude emotionelle Assoziationen hervorrufen, die die Geschichte dieses Standortes lebendig halten. Durch diese optischen Faktoren werden dem Besucher die historischen Ereignisse in Erinnerung gebracht.
Der Nutzung nach soll das neue Gebäude die Zielsetzungen des Volkshauses inhaltlich bereichern. Denkbar wären eine Bibliothek, ein Presse- und Informationszentrum, einige frei verfügbare Klubräume usw. Auf keinen Fall irgendwelche Büros oder Hotelbetrieb! Das stände in völligem Widerspruch zum Leben in einem Volkshaus. Schließlich hört man auch von der Absicht, ein Regierungsgasthaus statt eines modernen Volkshauses einzurichten: Man stelle sich große Limousinen vor, Lakaien in goldenem Lametta, Partys. Das sind die gediegenen Vorschläge mit schöpferischen Visionen belasteter Bürokraten. Statt die Kontinuität der gesellschaftlichen Komplexität, der Kultur und Kommunikation zu bewahren, wird dieser einmalige Standort auf die gehobene Verwaltungsroutine herabgewürdigt.